Berliner Zeitung, 29.08.2005

Klonen und Klauen - Mit CSI:NY versuchen Vox und RTL, einen Serienerfolg zu vervielfältigen

Das muss für die Vox-Oberen im Frühsommer schon reichlich unangenehm gewesen sein. Da baute sich der kleine Sender der RTL-Gruppe mit "CSI" jahrelang Publikum und Reputation auf - und dann wird der erste Ableger der erfolgreichen Serie, "CSI Miami," prompt in das RTL-Hauptprogramm verschoben. Kann man so arbeiten? In jedem Fall wirft das ein komisches Licht auf den Versuch von Vox, es jetzt noch mal mit dem zweiten "CSI"-Ableger "CSI:NY" zu probieren.

Deutlich wird, dass RTL und Vox damit verstärkt amerikanische Sende-Konzepte auf den deutschen Markt übertragen wollen. Dort gehört es schon seit Anfang der Neunziger zum Geschäft, erfolgreiche Serienkonzepte zu klonen und zu klauen. Den Anfang machte damals die erfolgreiche Krimi-Serie "Law & Order." Bei RTL stellen die Serie und ihre Ableger momentan einen großen Teil des Serienangebots. RTL sendet die Hauptserie sowie die eigenproduzierte "Law & Order"-Kopie "Im Namen des Gesetztes," RTL 2 als "Law & Order: New York" den Ableger "Special Victims Unit", Vox "Law & Order: Criminal Intent." Anders als der Konkurrent Pro Sieben, der weiterhin auf "Event-Fernsehen" und aufwändige Produktionen wie "Lost" setzt, folgt RTL so eher buchhalterischen Prinzipien und solide Unterhaltung. Sonderlich originell ist das natürlich nicht.

Mit "CSI:NY" kommt auf Vox da in jedem Fall eine Herausforderung zu. Denn im Kontext konventioneller Krimi-Unterhaltung ist die in New York spielende "CSI"-Version eher schwere bis schwierige Kost. Auch hier steht wieder die Arbeit der Spurensicherer und Polizisten im Labor im Mittelpunkt, doch anders als bei den Vorgängern wird ein deutlich düsterer Ton angeschlagen. Schon das Farbschema verheißt Psycho-Grusel: Grau- und Blautöne, viel Schwarz und harte Kontraste bestimmen die Szenerie. Auch in der Besetzung des Chefs der New Yorker Spurensicherer folgt "CSI:NY" zwar dem Prinzip der Vorgänger-Serien, die mit William Petersen oder David Caruso auch schon prominente Charakterdarsteller auswählten. Doch Gary Sinises Mac Taylor - ein Ex-Marine und seit den Anschlägen vom 9. September Witwer - fehlen Petersens liebenswerte Spleenigkeit und Carusos rüde Selbstgerechtigkeit, sein Polizist ist ein brütender Melancholiker, der wohl schon zu viel gesehen hat. Darstellerisch ist das reizvoll. Ob das Publikum einen Bezug zu dem eher traurigen Fahnder herstellen kann, wird sich zeigen.

Ein Strukturproblem wiegt schwerer. Denn nach fünf Jahren "CSI" und drei Jahren "CSI Miami" werden Abnutzungserscheinungen am Serienkonzept deutlich. Reichte es ursprünglich aus, fast alltägliche Verbrechen aus der ungewohnten Perspektive der Wissenschaftler zu zeigen, müssen die Fälle inzwischen spektakulärer sein; in der ersten Folge von "CSI:NY" ist gleich ein Serientäter am Werk. Auch die technischen Werkzeuge verlieren spürbar ihren Reiz. Wenn man nur 90 Sekunden braucht, um mit einem eher banalen Foto den exakten Ort der Aufnahme zu bestimmen, sorgt das nicht gerade für Spannung am Bildschirm. Die Glaubwürdigkeit leidet weiter, wenn zwei Leute in einem voll beladenen Müll-Kahn gleich den entscheidenden Beweis finden. Konzessionen an den Zuschauer, die das ehemals frische "CSI"-Konzept entkräften.

Wird das Publikum da mitmachen oder wird sich angesichts dieser Serien-Monokultur Übersättigung einstellen? Vox kann hoffen, dass auf dem etablierten "CSI"-Sendeplatz am Montagabend vielleicht noch etwas geht. Und dass sich RTL, sollte "CSI:NY" doch zum ganz großen Erfolg werden, nicht wieder bei der kleinen Schwester für sein Hauptprogramm bedient.