Kress Report, 6. Mai 2005
 
Das beste Fernsehen der Welt ·· Spezial TV-Trends
 
 
Das beste Fernsehen der Welt wird in den USA hergestellt. Während in Deutschland Sparzwänge und Renditesucht dazu führen, dass nur noch Sketch-Comedies und Doku-Soaps produziert werden, denken sich die Kreativen Amerikas eine brillante Serie nach der nächsten aus. Kein Wunder also, dass auch die deutschen Sender ihren oft fehlenden Mut und ihre oft fehlende Kreativität durch amerikanische Programme ausgleichen.
Die laufende TV-Saison 2004/2005 hat in Deutschland zu einem Comeback der US-Serien geführt. Sechs amerikanische Serien finden sich derzeit in den kress-Saison-Update-Top-40 (siehe Seite 20), in der vergangenen Saison war es nur eine einzige: "Sex and the City". Auch die Vielfalt der in Deutschland erfolgreichen US-Serien ist enorm. Waren es vor Jahren noch vornehmlich Science-Fiction und Mystery-Serien, befinden sich nun die Serien an der Spitze, die auch in den USA die meisten Zuschauer vor die Fernseher ziehen. Krimiserien wie "C.S.I." und "CSI: Miami", die großartig schwarzhumorige Serie "Desperate Housewives" oder der Mystery-Superhit "Lost". 

All diese Programme bieten Unterhaltung auf Hollywood-Niveau, während Deutschland mit peinlichen Plagiaten wie "Verschollen" eher auf Castrop-Rauxel-Niveau stehen bleibt. Der neuerliche Erfolg des amerikanischen Fernsehens hat hier zu Lande vor allem zwei Väter: ProSieben und Vox. Durch den Abzug von "CSI: Miami" von Vox ins Mutterhaus RTL hat sich aber gezeigt, dass auch ganz große Quoten jenseits der 20 % machbar sind. Nicht zuletzt durch diesen Erfolg und den der ProSieben-Serien "Desperate Housewives" und "Lost" dürfte es derzeit keinen Sender in Deutschland geben, der nicht auf der Suche nach hochklassigen neuen US-Programmen ist. ProSieben hat für den Herbst bereits die Ausstrahlung der wohl wenig Mainstream-tauglichen, Mathematik-lastigen Krimiserie "Numbers" angekündigt, mindestens eine weitere wird dazustoßen, bei RTL wird es sicher schon Überlegungen geben, auch "CSI: NY" bei RTL zu senden und nicht bei Vox. Sat.1 dürfte durch die vernünftigen Prime-Time-Quoten von "Navy CIS" ebenfalls interessiert sein, das US-Portfolio auszubauen. Und selbst das ZDF hat nun zugeschlagen. Bei den Mainzern läuft ab 2006 "Veronica Mars". Damit hat der Sender ausgerechnet eine der jüngeren Serien eingekauft. "Veronica Mars" läuft seit September im jungen Network UPN, dreht sich um eine 17-jährige Privatdetektivin und wäre sicher beim jüngeren ProSieben-Publikum besser aufgehoben. Immerhin kommen die deutschen Serienfans so aber wieder einmal in den Genuss, eine US-Serie ohne Werbeunterbrechungen sehen zu können. Es sei denn, das ZDF entscheidet sich dafür, "Veronica Mars" am Vorabend auszustrahlen. Derzeit steht zumindest noch nicht fest, auf welchem Sendeplatz die Serie zu sehen sein wird. 

Die vielleicht Erfolg versprechendste Serie, die derzeit noch nicht in Deutschland läuft, dürfte "Grey's Anatomy" sein. Die junge, coole Krankenhausserie, die bei ABC direkt im Anschluss an "Desperate Housewives" gesendet wird, ist dort eingeschlagen wie eine Bombe und hat den zweitbesten Serienstart der laufenden Saison hingelegt. Zwar steht noch nicht offiziell fest, welcher Sender in Deutschland zum Zuge kommt, doch dürfte es sich sehr wahrscheinlich um ProSieben handeln. Schließlich ist "Grey's Anatomy" eine Produktion von Touchstone Televison für ABC. Und alle anderen Programme dieser Konstellation ("Alias", "Desperate Housewives", "Lost" etc.) laufen ebenfalls bei dem Münchner Sender. Auch noch nicht offiziell in Deutschland angekündigt ist die Mystery-Krimiserie "Medium" mit Patricia Arquette, die in den USA bei NBC läuft und Erfolge feiert. Arquette spielt darin eine Staatsanwalt-Mitarbeiterin, die mit Toten kommunizieren kann und dadurch Verbrechen löst. Auch die neue, hervorragende Hochglanz-Privatdetektivserie "Eyes" wurde in Deutschland noch nicht offiziell angekündigt. Noch ist der Rechteinhaber also unklar. 

Während die bereits laufenden Serien auch in Deutschland schon einen Rechte-Inhaber haben dürften, werden die Felle der ganz neuen Serien, die sich derzeit selbst in den USA erst im Pilotstadium befinden, erst in den kommenden Monaten verteilt werden. Ab dem 16. Mai werden die großen Networks verkünden, welche Piloten ab Herbst in Serie gehen, direkt danach, ab dem 20. Mai, fliegt die wichtigsten deutschen TV-Manager nach Los Angeles um sich die Neuheiten auf den Screenings anzuschauen und gleich ein paar Deals abzuschließen. 

Was sie dort zu sehen bekommen, könnte auch in diesem Jahr einige große Namen und interessante Geschichten enthalten. So produziert Touchstone für ABC beispielsweise einen Piloten namens "Commander in Chief", der das Leben der ersten amerikanischen Präsidentin, gespielt von Geena Davis, begleitet. Ebenfalls dabei: Donald Sutherland und Leslie Hope. Mysteriös geht es hingegen in "Invasion" zu, einer Warner-Serie für ABC, die die seltsamen Ereignisse in einer Kleinstadt beleuchtet. In "Pros and Cons"spielen William Baldwin und Natasha Henstridge FBI-Agenten. 

Weitere bekannte Gesichter, die Serien-Piloten drehen, sind u.a. Dylan McDermott, Jeri Ryan, David Arquette, Sally Field, Jason Priestley, Jennifer Love Hewitt, Aidan Quinn, Dennis Hopper und Benjamin Bratt. Welche der zahlreichen Piloten es tatsächlich zur Serienreife schaffen und dann auch nach Deutschland kommen, steht derzeit natürlich in den Sternen. Und selbstverständlich wird auch nicht jedes dieser amerikanischen Programme in Deutschland Erfolg haben können. Dennoch werden die Serieneinkäufer mit so viel Esprit wie seit Jahren nicht mehr nach Amerika fliegen. Auch die US-Studios werden sich freuen, dass die Lizenzpreise nach Jahren endlich wieder ansteigen, weil ihre Produktionen in Deutschland wieder begehrter werden. Welche US-Serien die deutschen Manager dann tatsächlich bei den L.A. Screenings zu sehen bekommen und einkaufen, erfahren Sie natürlich im kressreport. (Jens Schröder)