Die
Welt (D-Ausgabe/DEU) 07.11.2006
In
den USA boomt der Markt - Auch in Europa soll Product Placement im TV erlaubt
werden
Ganz legale Schleichwerbung
VON WILFRIED URBE
Geht es nach dem Willen der EU- Kommissarin Viviane Reding, dann wird
Schleichwerbung im Fernsehen demnächst als Product Placement legalisiert. So
sieht es die noch heftig umstrittene neue Fernsehrichtlinie vor, die unter der
deutschen Ratspräsidentschaft verabschiedet werden soll (siehe Kasten). Denn
außerhalb Europas wächst, wie neue Studien zeigen, das Product Placement wie
kaum ein anderer Bereich der Werbung. Nach Angaben des
Marktforschungsunternehmens PQ steigen 2006 die Product-Placement-Umsätze im Fernsehen
um 47,8 Prozent, in allen Medien weltweit um 38,8 Prozent auf rund drei
Milliarden Dollar, im Fernsehbereich sogar um 47,8 Prozent.
Wie
ein Product-Placement-Programm aussieht, lässt sich am besten in den USA
studieren. Bei "American Idol", der US-Version der
"Superstar"-Suche, fühlt man sich in einer Dauerwerbesendung für Coca
Cola: Jury, Kandidaten, Moderatoren trinken ständig aus übergroßen, signalroten
Gefäßen mit dem Schriftzug des Limonadenherstellers. Und im "Coca-Cola Red
Room" besprechen Moderator und Möchtegern-Stars die Songthemen der
nächsten Sendung.
Manches
Product Placement hat als Fernsehserie Europa längst erreicht. So ist es kein
Zufall, dass "CSI"-Chef Gil Grissom (auf Vox zu sehen) meistens einen
Rimowa Pilotenkoffer bei sich trägt, wenn er am Tatort eintrifft. Und bei
"King of Queens" zahlte erst Nike das Outfit des Protagonisten Doug,
später stiegen auch G-Unit und Adidas ein. In einer Folge drehte sich alles um
das Thema iPod.
Zwischen
September 2005 und Mai diesen Jahres zählten die Marktforscher von Nielsen
allein in "King of Queens" 1700 so genannte "Product Hit" ,
in "CSI waren es 1100, in "American Idol" sogar 4000. Von den 20
Primetime-Programmen, die Product Placement verwendeten, waren die Hälfte
Serien. Bei den Product Placern in den USA liegt Coca Cola mit 3200 Nennungen
auf Platz eins, dicht folgt von Nike Apparel (850). Sogar die Elite-Uni Yale
taucht in dieser Bestenliste auf, sie erschien 73 Beiträgen 266 Mal.
Europa
ist von dieser Entwicklung bisher noch kaum betroffen. Derzeit blockieren vor
allem die in Fernsehfragen zuständigen deutschen Bundesländer die neue EU-
Fernsehrichtlinie, die Product Placement gestatten soll. Allerdings will man
die deutsche Ratspräsidentschaft nicht mit einer Veto-Haltung belasten. Am
vergangenen Freitag wurde deshalb im Bundesrat eine Entschließung
verabschiedet, die auch in dieser Frage Kompromisse möglich macht.
Während
bei den hiesigen Öffentlich-Rechtlichen Schleichwerbung eher als
Skandal-Potential dient, spielt das Product Placement beim ORF in Österreich
bereits eine wichtige Rolle. Der neue Generaldirektor Alexander Wrabetz sagt:
"Wir wollen den Status Quo erhalten. Innerhalb festgesetzter Regem möchten
wir Sponsoring und Product Placement zulassen. Die Diskussion in Deutschland
oder anderswo erscheint uns manchmal als weltfremd. Bei einem James Bond-Film
weiß jeder, dass sein BMW ein Product Placement ist. Und bei einem
österreichischen Fernsehfilm soll das nicht erlaubt sein? Das ist absurd. Wenn
es dramaturgisch möglich und im Abspann ausgewiesen ist, sind bei unseren
Eigenproduktionen Product Placements erlaubt." Eine Regelung, die auch als
Vorbild für die neue EU-Richtlinie gilt.
Heikel
wird es für international operierende Produzenten, die ihre Formate in Länder
mit unterschiedlichen Werberegeln verkaufen und insofern immer zwei Versionen
anbieten müssen. Einer von ihnen ist Oliver Fuchs, Geschäftsführer der
deutschen Eyeworks-Dependance, der sich ein gekennzeichnetes Product Placement
wünscht: "Ein kontrollierter Markt ist nicht mehr zeitgemäß. Dem
Verbraucher wird durch solche Regulierungen eine gewisse Unmündigkeit
unterstellt. In anderen Ländern wie Holland und Schweden werden die Produzenten
aktiv aufgefordert, Sponsoren und Produkte zu finden." Eine Öffnung des Marktes
werde sicherlich neue Geschäftsmodelle ermöglichen, meint Fuchs.
Diese
Sicht wird auch von Ute Biernat, Geschäftsführerin von Grundy Light
Entertainment, geteilt: "Coca Cola brandet bei 'American Idol' die
komplette Sendung, dadurch sind in den USA Shows mit Budget von 1,5 Millionen
Euro denkbar, das ist in Deutschland so gut wie nicht möglich." Kritisch
sieht dagegen Ufa- Chef Wolf Bauer das Product Placement: "Das lehnen wir
ab, zumal die Sender versuchen würden, diese Etats zu erhalten. Und auch für
die wäre es letztlich kein großer Gewinn, weil Budgets aus der klassischen
Werbung einfach in die Sonderwerbeformen umgeschichtet würden."
Im
Heimatland der Schleichwerbung, den USA, wehrt sich unterdessen die
Gewerkschaft der Drehbuchautoren, die sich nicht länger durch Vorgaben von
Werbekunden gängeln lassen wollen. Die Entrüstung kam auf, als eine
Darstellerin bei "Desperate Housewives" in der Serie als
Pressesprecherin von Buick tätig sein sollte, einer der wichtigen Sponsoren der
Reihe. Die Gewerkschaft fordert jetzt von der Federal Communications Commission
(FCC) einen Code, der die Zuschauer auf die versteckte Werbung aufmerksam
macht.