Frankfurter Allgemeine Zeitung - Sonntagszeitung (DEU) 11. Januar 2004

Staubsauger

Mittwochs abends wird mir immer schwindlig, und danach sieht mein Wohnzimmer aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen. Den Schwindel erzeugen die abenteuerlichen Reisen, wenn ich mit Affenzahn in einen menschlichen Körper hineinrase. Ich war schon eine Pistolenkugel, eine Axt oder eine Injektionsnadel. Es ist spannend zu sehen, wie sich das Innere des Körpers spaltet. Und manchmal ziemlich eklig. Zwischendurch zertrümmere ich Fensterscheiben, Vasen und Möbel und beobachte Maden, die aus Leichen krabbeln.

Ich bin regelmäßiger Zuschauer von "CSI - Den Tätern auf der Spur". "CSI" ist der unauffälligste Sensationserfolg im deutschen Fernsehen. Der Krimi ist die quotenstärkste Prime-time-Serie beim kleinen Sender Vox, sie schlug schon mehrfach den zur selben Zeit laufenden "EmergencyRoom", ein Zugpferd von Pro Sieben. Aber niemand kennt "CSI". Die zum Kult hochgejubelte "AllyMcBeal" hatte damals deutlich weniger Zuschauer. Das liegt vermutlich daran, daß es völlig egal ist, wenn man "CSI" nicht sieht. Eben das ist aber auch ein Grund für den Erfolg. Man muß keine vorherige Folge gesehen haben, um in die Handlung hineinzufinden. Die geht so: Eine Spurensicherung klärt anhand von Beweisen Kapitalverbrechen auf. Der besondere Reiz sind die Computer-Animationen des Körperinneren bei Gewalteinwirkung und der so gebildete wie kühle CSI-Chef Gil Grissom (William Petersen). Da liegt der während des Kampfs verstorbene Boxer tot im Ring, der Polizist informiert den CSI-Chef: "Ein Champion. Neunzehn Siege", und Grissom entgegnet nur: "Eine Niederlage". Die gezeigten Methoden sind sehr realitätsnah. Wie im Fernsehen möchte man gern das genaue Stadium einer Verwesung feststellen können (zu Hause eher bei Lebensmitteln als Leichen) und Gegenstände zerschlagen, um festzustellen, wie sich die Splitter im Raum verteilen, und daraus abzuleiten, wo der Täter stand.

Wegen des großen Erfolgs startet Vox morgen bereits den ersten Serienableger: "CSI Miami". Am Strand von Florida. Ich werde ziemlich viel Sand für mein Wohnzimmer benötigen. Und wo ist danach der Staubsauger-Vertreter, wenn man ihn braucht?

Michael Reufsteck