stern
(DEU) 16.11.2006
H.
47, S. 62
Sexuell unterbeschäftigte Teamplayer
Spurensicherer waren früher gerade gut genug, um dem mürrischen Kommissar das Kaliber der Tatwaffe zuzurufen. Nun aber hat sich ein Haufen Statisten zu Helden entwickelt. "CSI" ist so erfolgreich, weil es unseren Arbeitsalltag mit dem Mythos vom allmächtigen Profi-Team ausschmückt
Was ist nur mit dem guten alten Kommissar passiert? Wo ist er hin, der
romantische Ermittlerwolf, der zähe Allrounder, der gebeutelt von
Alkoholproblemen und enttäuschter Liebe mit tief ins Gesicht gezogenem Hut durch
die nächtliche Stadt streunt, in einem Hinterhof ein Geständnis aus einem
Ganoven prügelt, sich todesmutig in das Magnetfeld einer gefährlichen Blondine
begibt und zur Not auch mal das Gesetz dehnt, um wieder Ordnung zu schaffen in
dem Sündenbabel da draußen? Seine Zeit ist vorbei. Heute werden nicht mehr
Fäuste geschwungen, sondern Reagenzgläser. Beim Betrachten von "CSI"
hat man den Eindruck, die Unternehmensberatung McKinsey sei durchs miefige
Polizeipräsidium gerauscht und hätte die Ordnung sichernde Macht fit für die
neoliberale Gesellschaft gemacht. Die Spurensicherer verkörpern neueste
Management-Theorien. Dauerbrünftige Einzelkämpfer sind nicht mehr gefragt,
sexuell unterbeschäftigte Teamplayer stehen hoch im Kurs. Die Schimanskis von
heute hadern nicht mehr mit dem Apparat, sondern bilden ein eingeschworenes
Winner-Team, das sich reibungslos zuarbeitet. Die Mannschaft wird von einem
umsichtigen Manager geführt, der seine Leute optimal nach ihren jeweiligen
Fähigkeiten einsetzt und die Vaterfigur in der großen Kollegenfamilie ist. CSI
erinnert an den schröderschen Regierungsstil: Probleme werden an eine
Expertenkommission delegiert. Über dem eingespielten Kompetenzteam weht der
kühle Geist der Effizienz. Hier wartet man nicht mehr 45 Minuten auf die
romantischgeniale Eingebung des Ermittlers, hier wird mit Hochdruck Hypothese
für Hypothese abgearbeitet.
Die Figuren sind Inkarnationen der reinen Wissenschaft: Im Vorspann von
"CSI:
Miami" morphen die Namen der Hauptdarsteller aus wissenschaftlichen Formeln.
Die Psyche des Täters interessiert jetzt weniger als seine Speichelprobe. Die
Technokraten haben das Heft in der Hand. Ein Fall wird öfter im Labor beim
Modellversuch gelöst als in direkter Konfrontation mit dem Täter auf dem
Terrain.
Die Feier der glänzenden Laboroberflächen und blinkenden Computerbildschirme
steht in grellem Kontrast zu den unappetitlichen Nahaufnahmen von Gewaltopfern.
Der Trend geht zum Endoskopie-Clip. Doch diese blutigen Inszenierungen sind
mehr als ein Spiel mit einem Körperwelten- Voyeurismus, der von dem
Plastinierungs- Schausteller Gunther von Hagens geweckt wurde. Mit Hilfe der
gestylten Rechtsmediziner exorziert die Gesellschaft den Tod in einer durch
schnelle Schnitte perfekt rhythmisierten Hymne auf die Wissenschaft.
"CSI" erweckt zwar keine Toten zum Leben, bringt sie aber immerhin
zum Sprechen. Mag ein Körper auch noch so verstümmelt sein, auf ihm finden sich
immer noch genug Spuren, um den Gewalttäter zu bestrafen. Der eigentliche
Erzähler in dieser Serie ist der misshandelte Körper. Er ist es, der den Täter
seiner gerechten Strafe zuführt.
So groß der Schrecken ist, den die grässlich Verstümmelten im Zuschauer
auslösen, so heilsam ist der Trost,wenn der Täter durch die Spuren auf seinem
Opfer überführt wird. CSI löst den Horror vor dem Tod in der Genugtuung über
eine wiederhergestellte Gerechtigkeit dank unfehlbarer Technik und Wissenschaft
auf.
Die Spurensucher sind keine Ritter in Uniform mehr wie ihre Vorgänger, sondern
hoch spezialisierte Dienstleister. Obwohl man meinen könnte, sie seien nur
Sherlock Holmes'Wiedergänger, dürfte sich keiner von ihnen jemals das
Einzelgängertum des englischen Exzentrikers erlauben.
Weiß Holmes einmal nicht weiter, sucht er Inspiration bei Koks und
Violinenspiel.Wenn seine Nachfahren nicht mehr weiterkommen, berufen sie eine
Konferenz ein. Ihre mit rasanten Special Effects illustrierten
Arbeitshypothesen wirken wie Power-Point-Präsentationen, mit denen der
Zuschauer auf eine strategische Neuausrichtung der Ermittlungen eingeschworen
wird. Die Serie erzählt von der Kraft der Jungs und Mädels aus der zweiten
Reihe, die in gemeinsamer Anstrengung an der Wiederherstellung einer bedrohten
Ordnung durch das Verbrechen arbeiten. Der Einzelne ist schon lange nicht mehr
in der Lage, einen Fall zu überblicken oder gar ein Problem zu lösen. Er
braucht das Team. "CSI" ist wie Gesundheitsreform.
So stützt sich der Erfolg der Kultserie nicht nur auf ein üppiges
Produktionsbudget, einen großen PR-Etat und die hochprofessionelle Betreuung
durch Spitzenkräfte aus dem Filmbusiness.
Dieser Serie gelingt es wie zurzeit keiner zweiten, unseren in Expertennischen
zerfasernden Arbeitsalltag mit heroisierenden Mythen auszuschmücken. Dabei
wirkt sie wie ein motivationsfördernder Crashkurs in Teamfähigkeit.
Am Morgen nach einer glücklichen "CSI"-Nacht fühlen wir Labormäuse,
Fachkräfte und Zuarbeiter uns wahnsinnig professionell.
Die Akte, die wir gleich bearbeiten werden, wird ganz sicher das fehlende
Puzzleteil im großen Gesamtzusammenhang beinhalten. Und während wir uns noch
schnell einen Latte irgendwas ziehen, zoomt die Special-Effects-Abteilung
unseres Gehirns in aufregenden Fahrten durch das röchelnde Leitungslabyrinth
des Kaffeeautomaten.
Sobald dann das Koffein langsam zu wirken beginnt, wissen wir: Es ist so
verdammt aufregend, ein sauber laufendes Rädchen in einer gut geschmierten
Mechanik zu sein.