Frankfurter Allgemeine Zeitung (DEU) 13. Mai 2005

Unter Druck
Amerikas Sender verbünden sich gegen den Staat
 

PHOENIX, 12. Mai
In der schwelenden Auseinandersetzung um Anstand im amerikanischen Fernsehen haben sich die Fronten neu formiert: Die Sendernetworks CBS, NBC und Fox haben gemeinsam mit neun weiteren Interessenverbänden eine Koalition namens "TelevisionWatch" gegründet, um Regierungseingriffen in Sendeinhalte einen Riegel vorzuschieben. "Wir haben uns der Aufgabe verschrieben, Eltern über Möglichkeiten des Managements von kindlichem Fernsehkonsum aufzuklären. Wir wollen jener Mehrheit eine Stimme geben, die meint, daß Verantwortung, nicht weitere Reglementierung die Lösung ist", heißt es auf der Website des Verbandes televisionwatch.org.
Im vergangenen Jahr verhängte die amerikanische Medienaufsichtsbehörde FCC Rekordstrafen wegen unanständiger Inhalte, der amerikanische Kongreß stimmte einer Verzehnfachung der Strafen für eine Übertretung der FCC-Regeln zu. Und der neue FCC-Vorsitzende Kevin Martin hat bereits signalisiert, noch schärfer als sein Vorgänger Michael Powell gegen Obszönitäten, sexuelle Anzüglichkeiten und nackte Haut bei den Networks vorzugehen. Zuletzt kündigte Alaskas Senator Ted Stevens an, die Anstandsregeln der FCC auch auf die Kabelsender auszudehnen. Das immerhin scheint rechtlich schwierig zu sein, da die amerikanische Regierung zwar die Hoheit über die Sendefrequenzen der Networks hat, nicht aber über die privat finanzierten Kabelnetze.
Doch die amerikanischen Medienpolitiker stehen unter Druck, vor allem von Interessengruppen wie dem Parents Television Council (PTC) oder der fundamental-christlichen "American Family Association" (AFA), die minutiös den vermeintlichen "Schmutzschwall" der Unterhaltungsindustrie dokumentieren. Der PTC registriert mit Hilfe eines "Entertainment Tracking System" genannten Recorders "jeden Vorfall mit sexuellem Inhalt, Gewalt, Profanität, Respektlosigkeit gegenüber Autoritäten und anderen negativen Inhalten", wie der PTC-Vorstand Tim Winter kürzlich dem Magazin "Time" sagte. Auf der PTC-Website parentstv.com kann man sich direkt zu vorgefertigten Protestbriefen an die FCC, die Sender und die Werbesponsoren klicken.
Allein: Die Lage ist vertrackt. Während Interessengruppen wie der PTC jedes gesendete "verdammt" notieren, liegen die grausigen Geschichten der Krimiserie "CSI" und die schmutzige Wäsche der "Desperate Housewives" in der Publikumsgunst weit vorn. Und während die amerikanische Öffentlichkeit einer Umfrage des Pew Research Center schärfere Anstandsregeln im Fernsehen mehrheitlich befürwortet, lehnt sie zugleich immer stärkere Regierungseingriffe in Medieninhalte ab.
Hier setzt TelevisionWatch an. Die Organisation verweist auf elterliche Verantwortung und die bestehenden Regularien: den sogenannten V-Chip, eine Kindersicherung, die serienmäßig in alle Großbildfernseher seit 2000 eingebaut wird, die verbalen und schriftlichen Warnhinweise auf "erwachsenen Inhalt" sowie das dem Kino-Rating ähnliche Bewertungssystem. Obwohl sich so unterschiedliche Fraktionen wie die American Conservative Union und die liberale Website Speakspeak.com der "TelevisionWatch"-Koalition angeschlossen haben, wird der Verband zu hundert Prozent von den Medienkonzernen Viacom, News Corporation und NBC Universal finanziert. Die Konzerne sehen offenbar ihr Geschäft in Gefahr. Denn für sie hat die Decency-Debatte in den vergangenen Monaten zwei prekäre medienpolitische Vorschläge hervorgebracht: Der eine plädiert für die Ausdehnung der FCC-Befugnisse aufs Kabelfernsehen, der andere für eine Einzelauswahl der Kabelsender durch die Konsumenten. Derzeit empfangen die Zuschauer die meisten Kabelsender im Paket. ABC, im Besitz des Familienunterhaltungsunternehmens Disney, fehlt bei TelevisionWatch. Der Sender hat statt dessen still den Schulterschluß mit den Fürsprechern der Kabelzensur geprobt - weil das für die kleinen Disney-Kabelsender wie ABC Family, Disney Channel und den Sportsender ESPN die geringere finanzielle Bedrohung darstellt.
NINA REHFELD