Der Spiegel, Mo 04.04.1988

Heft 14; S. 200-215

Das russ. Filmabenteuer von Peter Fleischmann

Urs Jenny
KULTUR

Für einen Gott auf Gedeih und Verderb

SPIEGEL-Redakteur Urs Jenny über das russische Film-Abenteuer des deutschen Regisseurs Peter Fleischmann * 

Wenn es im Universum, über den Daumen gerechnet, zehntausend Milliarden Milliarden Sonnen gibt, jede vielleicht von einer Handvoll Planeten umkreist - dann könnte doch irgendwo ein Gestirn darunter sein, das unserer Erde wie ein eineiiger Zwilling gleicht, mit so bis ins kleinste übereinstimmenden Evolutionsbedingungen, daß sich dort, parallel zu uns, eine andere Menschheit durch ihre Geschichte wurstelte: eine Menschheit, die so blond oder dunkel wäre wie wir, so blau- oder braunäugig und wie wir gelegentlich von Schnupfen oder Hämorrhoiden geplagt.

Wahrscheinlich ist das nicht, doch ein reizvolles Gedankenspiel für Science-fiction-Erfinder. Es könnte zum Beispiel sein, daß die Entwicklung auf jenem Planeten sich, an Europa gemessen, um die Lidschlag-Dauer eines Jahrtausends verzögert hätte. Dann fänden sich Reisende aus unserem 22. Jahrhundert - als wäre ihr Superlichtgeschwindigkeits-Raumschiff eine Zeitmaschine - ins Mittelalter zurückversetzt.

Sie könnten sich, entsprechend kostümiert, unerkannt unter die Eingeborenen mischen, etwa in der Hauptstadt des Königreichs Arkanar, und sie würden Menschen kennenlernen, die sich mühsam dem ersten Morgenschein der Renaissance entgegenarbeiten: Ein Astronom, dem niemand glauben will, behauptet, die Welt sei kugelförmig; ein Arzt stellt die verwegene These auf, Krankheiten würden durch unsichtbar winzige Tierchen übertragen; ein Waffenschmied bastelt an der Erfindung des Buchdrucks. Was wird der Besucher von der Erde dazu sagen? Wird er dieser anderen Menschheit auf den Sprung helfen, um ihr vielleicht ein paar blutige Umwege, Rückschläge der Geschichte zu ersparen?

Arkanar, der Schauplatz dieses Science-fiction-Gedankenspiels, liegt auf einem Hügelrücken über dem Städtchen Jalta an der Südküste der Krim. Aus der Ferne betrachtet, ist dieses Arkanar nur ein halsbrecherisch hochragendes Unding aus Holz und Gestänge. Von innen jedoch erweist es sich, kompakt durchgebaut über ein paar hundert Meter Länge und Breite, als eine Stadt, die mittelalterlich anmutet, etwas eng, etwas düster, mit abschüssigen und verwinkelten Gassen, Gewölbedurchgängen, Innenhöfen, Werkstätten, Ställen. Nur was an Kunstwerken und bizarren Ornamenten zu sehen ist, etwa an der breiten Fassade des Königspalasts, neben dem ein zyklopischer Turm 35 Meter emporragt, ist so recht keiner irdischen Kultur zuzuordnen. Und in Arkanar wächst kein Baum.

Herr über diese Stadt ist der Regisseur Peter Fleischmann, für ihn ist sie vor einem Jahr gebaut worden, in ihr dreht er seinen Film "Es ist nicht leicht, ein Gott zu sein". Fleischmann, 50, ein stämmiger Mensch mit zerzaustem grauem Bart, stapft besitzerstolz über den weiten Platz vor dem Palast, wo zum Filmfinale mit viel pyrotechnischem Zauber ein Raumschiff landen soll. Er nimmt die Havanna, die von früh bis spät zwischen seinen Lippen glimmt, beschreibt mit der Hand eine große Geste und sagt: "Seit 'Metropolis' hat kein deutscher Regisseur in einer so riesigen Dekoration gedreht!"

Im Februar war ein amerikanischer Film-Unternehmer in Jalta, um Arkanar zu besichtigen. So ein Ding habe es seit

"Cleopatra" nicht mehr gegeben, soll er gesagt haben, und irgendwo im Westen würde ein solcher Bau allein zehn bis zwölf Millionen Dollar kosten. Fleischmann spricht mit Unmut von diesem allzu neugierigen Kundschafter - die Stadt ist schließlich "sein" Werk, er hat dafür lastwagenweise Styropor, Spezialwerkzeuge und Farben aus München heranschaffen lassen, und diese Stadt ist auch als westeuropäisch-sowjetisches Trotzwerk gegen den amerikanischen Kino-Imperialismus gedacht: Soll sie nun Hollywood in die Hände fallen?

Der Nachthimmel über der Krim ist mondklar und kalt. In einer der krummen Gassen von Arkanar dreht Fleischmann einen nächtlichen Volksauflauf. Er hockt auf einem Podest neben der Kamera, den Kopf tief in den Mantel gezogen, und gibt halblaute Anweisungen auf französisch, die ein Assistent auf russisch weiterposaunt. Bei den rund fünfzig zerlumpten grauen Gestalten, die sich da im Scheinwerferlicht zusammenrotten, handelt es sich um eine kleine Einheit der sowjetischen Armee, die nun schon seit Monaten in Zelten auf dem Filmgelände kampiert, als Wachtrupp, Schneeräummannschaft und Dauerkomparserie. Größere Kontingente stellt auf Abruf die nahe Garnison.

Im Halbschatten, einen Schritt hinter dem Regisseur, steht ein schwerer Mann, dem schwarze Stiefel, schwarzes Lederwams und schwarzes Barett ein landsknechthaft verwegenes Aussehen geben. Er beobachtet scharf, was sich tut, spricht kurz mit Fleischmann und bringt mit ein paar Kommandos Bewegung in die Truppe. Das ist der polnische Regisseur Jerzy Hoffman, den Fleischmann als seinen "Freund und künstlerischen Berater" vorstellt. Hoffman, 55, hat in der Sowjet-Union studiert und gearbeitet, er hat Erfahrung im Inszenieren breiter Historienfilme, speziell nach Romanen des "Quo vadis"-Verfassers Sienkiewicz, und für eine gute Westgage ist er nun auch gern einmal als oberster Helfer zu Diensten.

"Mein Freund Peter hat mich engagiert, damit ich ihm ein bißchen Dampf mache", sagt Hoffman mit einem listigen Zwinkern. "Wenn er mich läßt. Peter ist ein Regisseur, der immer gern improvisiert, und er wird dabei immer besser - aber bei einem so großen Projekt ist das sehr gefährlich. Ich soll dafür sorgen, daß wir nicht ganz von der Route abkommen."

Doch Fleischmann ist inzwischen schon wieder mitten im schönsten Improvisieren: Er hat sich aus der Truppe einen Burschen mit schiefem Gesicht herausgegriffen und macht ihm nun vor, wie er, gewissermaßen als Dorfidiot, lallend und schreiend die Aufmerksamkeit der Leute zum Himmel lenken soll: Über Arkanar ist bedrohlich ein zweiter Mond aufgegangen. Das ist, aber das tumbe Volk kann das ja nicht ahnen, die Raumstation der Erdenmenschen. Dort werden auf Videoschirmen die Beobachter, die man auf den Planeten hinabgeschickt hat, ihrerseits rund um die Uhr beobachtet. Es ist ja schon vorgekommen, daß einer durchdreht.

Die Reise in das Königreich Arkanar irgendwo in einer fernen Galaxis, aus der nun auf der Krim ein monumentales Kino-Abenteuer werden soll, hat mehrere Ausgangspunkte. Einer liegt in der nordrussischen Kleinstadt Bologoje, genau zwischen Moskau und Leningrad, in einem Cafe, das inzwischen mit einem Schild "Bei Boris und Arkadij" geschmückt ist: Ehrung für zwei Stammgäste, die Brüder Strugatzki, die sich dort über viele Jahre regelmäßig getroffen haben, der eine aus Moskau kommend, der andere aus Leningrad, um gemeinsam Science-fiction-Abenteuer auszuhecken. Arkadij und Boris Strugatzki sind, neben dem Polen Stanislaw Lem, die berühmtesten und auch international erfolgreichsten Science-fiction-Autoren der sozialistischen Welt.

Zukunftsromane, selbst wenn Unheil ihr Thema ist, vermitteln erst einmal die gute Botschaft, daß unsere Menschheit die Finsternisse des späten 20. Jahrhunderts heil überstanden hat. Das gilt auch für die Werke der getrennt lebenden, aber als Autoren unzertrennlichen Brüder Strugatzki - Arkadij, Jahrgang 1925, arbeitet als Japanologe und Übersetzer in Moskau, Boris, acht Jahre jünger, ist Astrophysiker an der Sternwarte Pulkowo bei Leningrad. Viele ihrer Bücher spielen im 22. Jahrhundert, wenn das kommunistische Paradies auf Erden verwirklicht ist und eine friedfertige, wohlhabende, edelherzige Menschheit Muße und Mittel hat, sich aus rein wissenschaftlichem Interesse der Erforschung des weiteren Weltraums zu widmen.

Der technologische Schnickschnack dieser intergalaktischen Expeditionen interessiert die Strugatzkis kaum; ihr Blick ist auf die moralischen und quasipolitischen Konflikte gerichtet, in die ein irdischer Raumreisender bei der Begegnung mit bizarren anderen Evolutionen, mit höheren oder niedrigeren Intelligenzformen und Lebenssystemen geraten kann. Denn "es ist nicht leicht, ein Gott zu sein", wenn man sich mit gottgleicher Überlegenheit in düstere Zstände hinabbegibt, zum Beispiel in Arkanar, und doch nicht eingreifen will, um zu helfen.

In dem Roman "Es ist nicht leicht, ein gott zu sein", erschienen 1964, ist der Held ein junger Wissenschaftler aus Leningrad, der in der Parallelwelt von Arkanar in die Rolle eines Aristokraten namens Rumata geschlüpft ist um Zugang zum König zu finden. Die Strugatzkis, mit saftiger Fabulierlust, schildern die höfische Welt als gargantuelische Sauf-und-Rauf-Gesellschaft, in der sich Rumata immer lustvoller tummelt. Seine irdischen Kollegen, die ihn dabei beobachten (er trägt stets

eine winzige Videokamera samt Sender am Leib), sehen das mit Besorgnis: Durch die auf Erden längst abgeschafften Genüsse des Fleischfressens und Alkoholsaufens werden in Rumata auch längst abgeschaffte Gefühle wach - Leidenschaft, Wut, Aggression, Haß.

Rumata wird im Königreich Arkanar Zeuge, wie ein skrupelloser Intrigant unaufhaltsam emporsteigt: Durch Aufhetzung des Volkes, Bündnisse mit Banditen, Spitzelwesen und blutigen Terror gegen alle fortschrittliche Intelligenz ebnet sich dieser Führer namens Don Reba den Weg zur Machtübernahme. Kein Zweifel für Rumata, es handelt sich hier um ein Phänomen, das der irdischen "Basistheorie des Feudalismus" zufolge nicht mitten im Mittelalter auftauchen dürfte, sondern erst in den politischen Paroxysmen des 20. Jahrhunderts: Faschismus. Da bricht Rumata mit seinem rein wissenschaftlichen Auftrag, verwandelt sich vom unbeteiligt beobachtenden "Gott" in einen heimlichen Widerstandskämpfer, schließlich in einen Amokläufer gegen Don Reba, den Hitler von Arkanar.

Für russische Leser ist unzweifelhaft, daß die Strugatzkis - Juden und unbeirrt gläubige Kommunisten - zwar von Hitler reden, doch auch an den Tyrannen denken, der ihre Jugend noch tiefer geprägt hat: Die Erinnerungen Arkadijs an seine Jahre im Gulag sind verschlüsselt in anderen, dunkleren Strugatzki-Werken aufbewahrt.

Der zweite Ausgangspunkt der filmischen Arkanar-Expedition war, im November 1982, die Münchner Wohnung von Volker Schlöndorff. Der sowjetische Vize-Filmminister war dort zu Gast, ein paar deutsche Regisseure kamen dazu, man gab sich brüderlich, beklagte gemeinsam die Hollywood-Hegemonie, und der Russe schlug vor, die frische bundesdeutsch-sowjetische Filmbrüderschaft durch eine repräsentative Koproduktion zu festigen. Da schob Schlöndorff seinen alten Freund Peter Fleischmann in den Mittelpunkt: Der sei schon lange versessen darauf, einen großen sowjetischen Stoff zu verfilmen, eben den Arkanar-Roman der Brüder Strugatzki. Und der Russe griff zu.

Fleischmann reiste fortan öfter nach Moskau, meist mit kleinem Gefolge, das Auswärtige Amt, das Bundeswirtschaftsministerium, der sowjetische Botschafter in Bonn und der deutsche in Moskau halfen bei den Verhandlungen. Aus der Berliner Filmförderungsanstalt, aus bayrischen Finanzierungstöpfen und vom ZDF wurden Gelder zugesagt, ein französischer Mitproduzent fand sich, und den Russen versprach Fleischmann als Mitbringsel einen amerikanischen Star - gerade wenn man gegen Hollywood antreten will, muß man ihm ja seine Reverenz erweisen.

Im April 1984 kam eine sechsköpfige Delegation unter der Leitung der für Westgeschäfte zuständigen Moskauer Agentur "Sowinfilm" nach München, bei Wodka und großen Borschtschtöpfen wurde im "Filmcafe" die Produktionsvereinbarung für "Es ist nicht leicht, ein Gott zu sein" gefeiert.

Nun erhebt sich die Frage: Wer ist eigentlich Peter Fleischmann? Und was hat die sowjetische Staats-Filmproduktion dazu gebracht, sich mit ihm für dieses Projekt zu verbünden? Auf der einen Seite ein gravitätischer Industrie-Riese mit über 12 000 festen Angestellten, der pro Jahr 150 Spielfilme produziert, auf der anderen Seite ein leichtfüßiger Kleinst-Unternehmer, der kaum mit eigenem Kapital, Material oder besonderem Know-how locken konnte - was hat sie zusammengeführt?

Peter Fleischmann strahlt, wenn er bei ukrainischem Rotwein ins Schwätzen kommt, die Gemütlichkeit eines Pfälzers aus, der den Heimatdialekt nicht zu leugnen versucht. Doch darunter stecken das Zockertemperament eines Hasardeurs und die Sturheit eines besessenen Einzelkämpfers - im dicksten Schlamassel läuft er zu Hochform auf, sonst würde er jetzt nicht in Jalta, nach fünf Jahren Kampf um das Projekt, seinen Film tatsächlich drehen.

In Fleischmanns Naturell vermischt sich die diplomatische Weltläufigkeit Schlöndorffs sehr merkwürdig mit der Kamikazekraft Werner herzogs - nur der Erfolg weder des einen noch des anderen war ihm je beschieden. Seine Spielfilme - seit dem vielgelobten Erstling "Jagdszenen aus Niederbayern" von 1969 nur insgesamt sechs - sind eigensinnig, phantasiereich und vollgepackt mit bizarren Bildern, unberechenbar begabt und unberechenbar disziplinlos. Ihre Herstellung war fast immer von Krächen und Krisen begleitet, und mit Titeln wie "Der dritte Grad", "Die Hamburger Krankheit", "Das Unheil", "Der Frevel" versprachen sie ihrem Publikum kaum Erfreuliches. Auch in Frankreich, wo er mehr als zu Hause geschätzt wird, gilt Fleischmann eher als "enfant terrible", kaum als Karrierekerl: ein Querschläger, dessen Wucht man aus sicherer Distanz bewundert.

Wenn aber Fleischmann zu Verhandlungen nach Moskau kam, brachte er stets seinen unbändigen Enthusiasmus mit, seinen ansteckenden Glauben an die eigene Sache, und so hat er die andere Seite von den gemeinsamen Weltmarkt-Chancen überzeugt: Arkanar, das Potemkinsche Dorf, sollte für die Russen zum Trojanischen Pferd werden, um Hollywood zu erobern.

Geplant war, den Film im Sommer 1986 in und bei Kiew zu drehen. Doch als man eben daranging, dort in der Gegend die Stadt Arkanar aufzubauen, machte die Katastrophe von Tschernobyl allem ein Ende. Damals beschlossen die Russen, den Hauptschauplatz nach Jalta zu verlegen, obwohl man von dort, sehr verhängnisvoll, bei mißlichem Wetter nicht einfach kurz ins Atelier umziehen konnte. Und bis dann alles beisammen war, verging ein weiteres Jahr, was die

Sache nicht billiger machte. Insgesamt wird "Es ist nicht leicht, ein Gott zu sein" über 30 Millionen Mark kosten.

In der Sowjet-Union, wo - bei jährlich fast vier Milliarden Kinobesuchen - ein Erfolgsfilm 50 Millionen Zuschauer findet, kann "Es ist nicht leicht, ein Gott zu sein" die sowjetische Hälfte der Investitionen gewiß einspielen. Für die westlichen Geldgeber jedoch ist und bleibt das Unternehmen eine Hochrisiko-Partie.

Zu ihrer Beruhigung hatte Fleischmann in London eine jener branchenüblichen und branchengefürchteten Risiko-Policen abgeschlossen, genannt "Completion Bond": Die Versicherungsfirma garantiert für eine stramme Prämie von fünf Prozent der Produktionskosten die Fertigstellung des Films auf Gedeih und Verderb.

So begannen die Dreharbeiten in Jalta Mitte April 1987 mit dem Amerikaner William Petersen und der Luxemburgerin Desiree Nosbusch als hauptdarstellern, und sie begannen explosiv. "Zwischen den beiden funkte es gleich so ungeheuer, daß sie kaum noch aus seinem Hotelzimmer zu kriegen waren", sagt ein Beleuchter, der schon damals dabei war, "aber vor der Kamera lief überhaupt nichts."

Der Amerikaner erhob gegen jede Abweichung vom geschriebenen Drehbuch Protest, und er fand rasch einen Verbündeten: den Aufseher, den die "Completion Bond"-Versicherung auf die Krim abkommandiert hatte. Der fand, Fleischmann mit seiner Neigung, die Szenen aus komplizierten Kamerafahrten und Schwenks zu entwickeln, schaffe bestenfalls 40 Prozent dessen, was ein Profi täglich herunterdreht.

Er versuchte in Gesprächen, dem Improvisationskünstler das Regie-Abc nach Dallas- und Denver-Manier beizubringen - Totale, Schuß, Gegenschuß, fertig -, und als sich Fleischmann als unbelehrbar erwies, meldete der Aufseher nach London, man müsse diesen Regisseur schleunigst abservieren. So wurde Fleischmanns Regiestuhl diskret dem bei James Bond wie im "Krieg der Sterne" bewährten Amerikaner Irvin Kershner angetragen.

Doch Fleischmann ließ sich nicht ausbooten, sondern brach die Arbeit ab, schickte die beiden widerspenstigen Stars nach Hause und trennte sich von der Versicherung. In Münchner Filmkreisen machte die Nachricht die Runde, sein Größenwahnsinns-Projekt werde nun wohl nur noch als Totalschadensfall in die Kinogeschichte eingehen. Der Hasardeur Fleischmann aber hatte, Rettung in hoher Not, einen anderen Hasardeur gefunden, dem sein Abenteuer gefiel: den Schweizer Produzenten Francis von Büren - der ist schwer reich und riskiert gern etwas.

Mit von Büren im Rücken verpflichtete Fleischmann als neuen Hauptdarsteller den polnischen Jungstar Edward Zentara (den nun freilich nicht nur in Hollywood niemand kennt) und wollte im Juli frischen Mutes von vorne beginnen. Doch die Zustimmung zum Neuanfang von russischer Seite brauchte auf ihrem Dienstweg durch die Hierarchien ein Vierteljahr, und als dann die Dreharbeiten tatsächlich wieder in Gang kamen, Anfang November, zogen die ersten Winterstürme über das Schwarze Meer heran.

"Natürlich war es ein Wahnsinn, diesen Film im Winter zu drehen, aber wenn ich es jetzt nicht gemacht hätte, wäre alles zusammengebrochen", sagt Peter Fleischmann. Er sagt auch: "Natürlich hat es falsche Erwartungen gegeben, auf beiden Seiten, auch Mißtrauen und Mißverständnisse, aber da sind wir durch."

Wo Peter Fleischmann lebt und arbeitet, hinterläßt er wie eine Spur die leeren Aluhülsen seiner Havannas. Wenigstens dieses Vergnügen ist, gemessen an Westpreisen, in der Sowjet-Union spottbillig. Wenn Fleischmann sagt: "Das kostet mich ein Vermögen!", und er sagt es oft, denkt er an teures technisches Zubehör, das am Drehort geklaut worden ist, und an die teure Zeit, die verrinnt: Nach gut vier Monaten sind etwa 60 Prozent des Films gedreht. Doch sein Glaube an seine Sache ist völlig ungeknickt, und für ihn ist sie kein gigantomaner Ego-Trip, sondern eine opferschwere deutschsowjetische Verständigungstat.

Zwei Tage zuvor in Moskau, in den trüben Büros der "Sowinfilm", hat ihr Vizedirektor ebenfalls mit markanter Rhetorik die Bedeutung dieses Projekts für die Freundschaft der Völker beschworen, auch - den Blick immer fest auf ein Lenin-Porträt gerichtet - für das hoffentlich weiter erfreuliche Gedeihen

der westdeutsch-sowjetischen Wirtschaftsbeziehungen.

Dann hat er sein breites Gesicht in Kummerfalten gelegt, abrupt die Tonart gewechselt: "Wir haben ganz große Schwierigkeiten mit diesem Film. Herr Fleischmann ist ein sehr emotionaler Mensch. Vielleicht sitzt er jetzt gerade im Flugzeug hierher, um neue Forderungen zu stellen. Wir waren davon ausgegangen, daß uns die Sache etwa zwei Millionen Rubel kosten würde, inzwischen haben wir vier Millionen hineingesteckt, und ein Ende ist längst nicht abzusehen. Irgendwann stoßen wir an unsere Grenzen."

Jalta mag im Sommer ein blühender Badeort sein; in der toten Saison, an einen Berghang geduckt, wirkt es armselig und grau. Alles überragt das Hotel "Jalta": ein ungeschönter Betonklotz, 16 Etagen hoch, mit über 2500 Betten der Luxusklasse, mit zwölf Restaurants, Cafes und Bars, mit eigenem Kino und eigenem Variete-Theater, mit echt amerikanischen Videospiel-Automaten, mit Swimming-pools und mit Feinkostlädchen, in denen nur gegen West-Devisen verkauft wird - ein Ort intensiver Unwirklichkeit.

Wie ein Raumschiff von einem anderen Stern, das hier niedergegangen ist, leuchtet der Koloß bei Nacht; für schlichte Sowjetbürger ist er exterritorial. Er ist das Refugium für die westliche Filmcrew und für die Oberschicht der östlichen, ansonsten ist er, Anfang März, mit Kurgästen aus der DDR gefüllt, die rudelweise in Trainingsanzügen durch die Korridore schlendern. Im Städtchen fallen sie auf, weil sie als einzige, geradezu demonstrativ, keine russischen Fellmützen tragen.

Die Filmtruppe hat im Hotel einen kleinen Speisesaal für sich vereinnahmt, den sie "Das Geheimkabinett des Don Reba" nennt. Dort hat der Regisseur schon Völkerverständigendes bewirkt: Die Filets aus der Gefriertruhe werden geduldig aufgetaut und nicht, wie sonst üblich, in kochendes Wasser geworfen, bevor man sie in die Pfanne haut - das heißt auf der Krim nun "Steak a la Fleischmann".

Die lange Drehzeit zehrt an den Nerven des Teams. "Ich glaube, das ist der langsamste Film, der je gemacht worden ist", sagt der amerikanische "dialogue coach". Er hat die Aufgabe, den russischen, deutschen, französischen, polnischen und georgischen Darstellern ihre Texte auf englisch beizubringen - denn wer auf den Hollywood-Markt spekuliert, muß eine lippengetreue Synchronisation anbieten können. "Aber daß es überhaupt noch immer weitergeht, das ist eine enorme Leistung."

Für die Filmtechniker aus München, die längst zu viele Regen- und Schneetage lang bei dünnem Bier in einer der Hotelbars herumgehockt haben, ist klar, daß am kriechenden Gang der Dinge mehr noch als General Winter die Russen schuld sind: Die seien, weil allesamt quasi unkündbare Staatsangestellte, wohl willig, aber "einfach unglaublich langsam". "Bis die mal in die Strümpfe kommen, ist der halbe Tag um."

Mag sein, daß die sowjetische Filmindustrie, überbürokratisiert und untertechnisiert, einen sehr gemächlichen Gang geht, doch das kommt im Grunde Fleischmann entgegen: Er ist, weniger Tatmensch als Tat-Träumer, auch ein Meister des Zauderns. Spätnachts nach den Volksaufruhr-Szenen im Mondlicht, auf die Frage eines Assistenten nach dem Pensum für morgen, scherzt er nur: "Wie soll ich wissen, ob ich morgen noch will, was ich gestern wollte?"

Ein wütender Märzsturm heult um die Balkone des Hotels und drückt gegen die Fenster. Fleischmann weiß: Längst ist dieser Film so teuer geworden und so weit fortgeschritten, daß die Investoren auf Gedeih und Verderb bis zum Ende durchhalten müssen, wann das auch sei. Das ist der Grund für seine Unerschütterlichkeit. Doch wenn er, selten, die Brille abnimmt und sich die Nasenwurzel massiert, wirkt sein Gesicht überraschend verletzlich und sehr erschöpft.

Am nächsten Morgen liegt Jalta samt Arkanar unter einer dicken neuschneedecke begraben - die Straßen sind zu, und die Frage nach dem Drehpensum des Tages hat sich wieder einmal erledigt.

Und Fleischmann? Irgendwann muß doch, was sich an Unmut über die gesamten Widrigkeiten seiner Arbeit in ihm staut, explodieren. So trifft sein jähre Groll einen Türsteher, der sich ihm abends vor der Hotel-Disco "Massandra" in den Weg stellt. "So sind diese Russen! Bei uns gibt es Türen, damit

man hindurchgehen kann, aber hier sind sie da, damit man nicht reinkommt! Und so ist das immer!" Dabei will der Türsteher bloß einen Rubel Eintritt kassieren.

Die Disco "Massandra" ist riesig, mit tanzenden Paaren vollgestopft, und das farbige Flackerlicht zeigt, daß der Innenausstatter sich den Raum mit rohen Baumstämmen rundum eher als urige Schänke im Jagdhütten-Stil gedacht hat. Das Einheitsgetränk ist klebriger Krimsekt mit dicken Eiswürfeln im Glas, die japanischen Lautsprecherboxen donnern beachtlich, der Discjockey ackert sich durch die amerikanische Hitparade, die vorherrschende Umgangssprache ist Sächsisch. Hier ist die Unwirklichkeit des Ortes vollkommen.

An einem Tischchen sitzt die französische Hauptdarstellerin des Films, Anne Gautier, ein porzellanzartes Wesen, aber immer schwer mit Goldschmuck behängt, bei zwei gescheitelten Herren in prall sitzenden Anzügen.

An diesem Morgen hat Anne Gautier festgestellt, daß aus ihrem Zimmer ein paar Hundertrubelscheine verschwunden sind, und sie ist unbesonnen zur Hoteldirektion gelaufen. Erst hat man ihr lange und eindringlich ihren Verdacht auszureden versucht - "Bei uns gibt es keinen Diebstahl"-, unvermittelt hat man ihr dann eine mögliche Diebin vorgeschlagen, gegen die sie Anzeige erheben könnte: eine der blonden Revuetänzerinnen aus dem Hotel-Variete, die sich schon lange zu eng an die westlichen Filmleute angeschlossen hat.

"Das war eine furchtbare Situation", sagt Anne Gautier, und da hätten sich die beiden gescheitelten Herren eingemischt und die Sache geregelt - irgendwie soll die Französin ihren Verlust ersetzt bekommen. "Das sind unsere Freunde vom KGB", sagt sie, "sie haben sich nie vorgestellt, aber sie sind seit Monaten immer in unserer Nähe, und jetzt habe ich zum erstenmal mit ihnen geredet." Sie hat Zeit gehabt auf der Krim, einigermaßen Russisch zu lernen. Der eine der Herren schaut zu, wie sich der andere, schweißnaß, auf der Tanzfläche mit Anne Gautier abarbeitet.

Aber die Herren tanzen nicht nur an diesem Abend. Eine russische Assistentin sitzt anderntags sehr verstört vor ihrem Frühstückstee und läßt sich trösten: Der KGB hat gegen Mitternacht Stubenkontrolle wie im Mädchenpensionat gemacht und sie bei einer Flasche Brandy mit deutschen Kollegen erwischt. Wenn das noch mal vorkomme, sagt sie, so habe man ihr gedroht, würde sie in das lokale Hotel ausquartiert, wo das Fußvolk des sowjetischen Filmteams untergebracht ist. Der Tyrann, an den die Strugatzkis bei ihrem Porträt des perfiden Don Reba gedacht haben, ist nun seit 35 Jahren tot, doch das Prinzip Mißtrauen lebt fort, und der Machtapparat, den er aufgebaut hat, funktioniert noch immer. Auf Völkerverständigung ist er nicht eingestellt.

Auch die westlichen Filmleute, die sich außerhalb ihres Hotel-Raumschiffs "Jalta" in der undurchsichtigen russischen Realität leicht wie Beobachter von einem anderen Stern fühlen, wissen genau, daß sie auch selbst beobachtet werden. Scherereien mit der Polizei - meist wegen der Promillegrenze 0,0 - sind langwierig und ärgerlich; aber daß ihre Telephongespräche abgehört werden, ist ihnen egal, und ob es Abhöranlagen in ihren Zimmern gibt, interessiert auch den Tontechniker längst nicht mehr, der vor Monaten, bei seiner Ankunft, aus Neugier danach gesucht hat, erfolglos. "Aber vielleicht kommen die russischen Mädchen deshalb nie mit auf dein Zimmer." Dennoch hat die Filmarbeit inzwischen eine west-östliche Ehe gestiftet.

Dem Produktionsleiter sind von einem Diplomaten sogar die Vorteile des Abhörsystems empfohlen worden: "Wenn wir wirklich mal Ärger haben, rufen wir jemanden in der deutschen Botschaft in Moskau an und erzählen ihm alles-dann kommt sehr rasch eine Reaktion von der sowjetischen Seite."

Als die Verkehrswege nach Jalta wieder passierbar sind, trifft der Direktor von "Sowinfilm", aus Paris kommend, ein, um über den Fortgang der Sache Klarheit zu schaffen.

Der Krisenstab tagt bei "Steak a la Fleischmann" im "Geheimkabinett des Don Reba". Man beginnt mit randvollen Wodkagläsern und Trinksprüchen reihum, Glas um Glas, um die deutschrussische Filmbrüderschaft zu rühmen. Dann wird der "Sowinfilm"-Chef, dessen Äuglein in dicken Speckpolstern ruhen, unsentimental deutlich: Fleischmann muß endlich zu Potte kommen, Arkanar ist an eine amerikanische Produktion verkauft, die dort im Juli mit einem Film beginnen will, und die entsprechenden Umbauten brauchen ein Vierteljahr.

Fleischmanns Hilfs-Haudegen Jerzy Hoffman, wodkagerötet und mit vergnügtem Blinzeln, bringt einen weiteren Trinkspruch aus und erklärt dann: Wenn sich alle am Riemen reißen, ist die Sache bis Ende April zu schaffen, in den Studios in Kiew, auf der Krim und in der fernen Sowjetrepublik Tadschikistan, wo in den farbigen Salzwüsten bei Isfara Außenaufnahmen geplant sind - vorausgesetzt, es gelingt "Sowinfilm" rechtzeitig, die Erlaubnis für den Einsatz eines futuristisch aufgeputzten Film-Hubschraubers in diesem militärischen Sperrgebiet zu erwirken.

Peter Fleischmann, der Zauderkünstler, saugt an seiner Havanna und sagt ja. Im April wird er, wohl in Jalta und vermutlich bei "Steak a la Fleischmann", mit ein paar Getreuen das einjährige Jubiläum des Drehbeginns feiern können. Was auch dann noch fehlt, die Szenen im Inneren der irdischen Raumstation, soll im Mai in den Münchner Bavaria-Ateliers mit all ihrem elektronischen Zauberzeug entstehen.

Wie am Ende der Film aussieht, der aus diesem multinationalen und intergalaktischen Abenteuer hervorgehen soll, weiß wohl noch lange niemand zu sagen, doch die westdeutsch-sowjetische Filmfreundschaft ist jedenfalls alle Strapazen wert.

Die Brüder Strugatzki haben kürzlich gesagt: "Angenommen, es gäbe einen Gott und er hätte sich eine Weile in ferneren Ecken des Kosmos herumgetrieben und kehrte nun auf die Erde zurück - da müßte er aus Verzweiflung sein Amt aufgeben."

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